Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 7.1, S. 93

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Deshalb protestieren wir an diesem 25. Januar[1] mit dem sozialdemokratischen Stimmzettel nicht bloß gegen die politischen Verhältnisse und demonstrieren nicht bloß für unsere Ideale, sondern wir dokumentieren dadurch, daß wir uns bewußt sind, ernstesten politischen Kämpfen entgegenzugehen, die uns der endgültigen Verwirklichung unserer Ziele näherbringen müssen. (Vielstimmiges Sehr wahr.)

Unsere lieben Freunde von der Reaktion werden ja nicht warten, bis die Sozialdemokratie die Mehrheit der Mandate erreicht hat, um ihre vielfach angekündigten Anschläge wider das demokratische Wahlrecht ins Werk zu setzen. Geben doch in der Tat diese Reichstagswahlerfolge noch lange nicht ein zutreffendes Bild von unserer Stärke. Wo sind die Scharen nicht wahlberechtigter junger Arbeiter, die unzähligen Massen von Frauen, die hinter der roten Fahne der Sozialdemokratie stehen? Nicht einmal unsere Organisationen geben auch nur annähernd einen Begriff von der Macht des revolutionären Heeres, denn es fehlen die Landproletarier, es fehlen die Eisenbahnsklaven, die Postsklaven[2], die ganz gewiß alle zu uns gehören, und nicht zu der herrschenden Klasse oder zur Regierung. Die Sozialdemokratie ist eben die Führerin der enormen Masse des noch nicht aufgeklärten, noch nicht organisierten Proletariats. In deren Interesse ist es auch ihre Pflicht, die gegenwärtige Wahl so auszunützen, daß sie wie ein Sturmgeläute zur endlichen Befreiung aller Ausgebeuteten, aller Unterdrückten durch die Lande braust. (Enthusiastischer, lang anhaltender Beifall.)

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung (Kiel),

Nr. 17 vom 20. Januar 1907.

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[1] Für den 25. Januar 1907 hatte die Regierung unter Reichskanzler Bernhard von Bülow die Neuwahlen zum Deutschen Reichstag festgelegt.

[2] Die Land-, Eisenbahn- und Postarbeiter besaßen zu dieser Zeit noch keine gewerkschaftlichen Organisationen.