Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 646

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Die Revolution in Rußland. 09. November 1905

[1]

Die Konterrevolution an der Arbeit

Eine Zeitungskorrespondenz meldet: Petersburg, 8. November. General Trepow verbleibt auf allen seinen Posten.[2] Er verdankt dies der Zarin-Mutter, Maria Fjodorowna, die an der Spitze der reaktionären Partei und der Großfürstenclique steht und auf den Zaren einen großen Einfluß ausübt.

Petersburg, 8. November. (Meldung der „Petersburger Telegraphen-Agentur“.) Ein Regierungskommuniqué verurteilt die Versuche der Blätter, aus Anlaß der Unruhen die Autorität der Militärobrigkeiten zu erschüttern, und hebt hervor, daß in der allgemeinen Beurteilung der Tätigkeit der Truppen keine Meinungsverschiedenheit zwischen den höchsten Militär- und Zivilverwaltungen bestehe. Auch die Mehrheit der Gesellschaft werde bei ruhiger unparteiischer Beurteilung die Verdienste der Truppen bei der Beruhigung des Landes anerkennen.

Der Säbel und der Weihwedel

Saratow, 7. November. (Meldung der „Petersburger Telegraphen-Agentur“.) Die Bevölkerung, welche sich bereits einigermaßen beruhigt hatte, ist durch eine Proklamation des Bischofs Hermogenes von Saratow von neuem heftig erregt worden. In dieser Proklamation fordert der Bischof zu Gewalttätigkeiten gegen die Feinde des Staates auf; zu diesen zählt er die männlichen und weiblichen Zöglinge der Gymnasien.

Die Schreckensherrschaft der Kosaken

Moskau, 8. November. Der von den Liberalen Moskaus gegründete „Verband der Verbände“ hat telegraphisch den Grafen Witte[3] gebeten, die in Moskau stationierten Kosaken infolge ihrer Gewalttätigkeiten aus der Stadt auszuweisen.

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[1] Dieser Artikel erschien in der von Rosa Luxemburg im „Vorwärts“ gestalteten Rubrik „Die Revolution in Rußland“. Der Artikel ist nicht gezeichnet, Rosa Luxemburg ist aber gewiß der Autor. Es entsprach den Vereinbarungen mit dem Parteivorstand vom 23. Oktober 1905, über die sie an Leo Jogiches am 24./25. Oktober 1905 schrieb: „Wie Du siehst, müssen wir schon damit rechnen, daß ich ab 1. XI. diese zwei Leitartikel für den ‚Vorwärts‘ auf dem Halse habe, aber bestimmt noch weit mehr, denn K. K. [Karl Kautsky] fordert z. B., daß ich, wenn auch nur von zu Hause aus (durch Notizen), den russischen Teil leite, also wird es ziemlich viel Arbeit geben!“ GB, Bd. 2, S. 215. Kautsky wurde in seiner Ansicht in einem Brief von August Bebel vom 26. Oktober 1905 bestärkt. Siehe August Bebels Briefwechsel mit Karl Kautsky, Assen 1971, S. 172 f. Rosa Luxemburg avancierte zur leitenden politischen Redakteurin, d. h. zur Chefredakteurin des „Vorwärts“, und gestaltete ab Ende Oktober die Rubrik „Die Revolution in Rußland“. Am 1. November 1905 teilte sie Leo Jogiches mit: „Ich bin nämlich seit gestern täglich im ‚Vorwärts‘ beschäftigt, und zwar schon ab 4 Uhr nachmittags. Es erweist sich – der Karren steckt im Dreck, und ich muß energisch helfen. Gestern schrieb ich dort an Ort und Stelle den Leitartikel und habe alle Telegramme über Rußland bearbeitet. Heute gehe ich wieder den Leitartikel schreiben und Rußland.“ Über das Honorar habe „der Vorstand beschlossen: 20 M für Leitartikel und 5 M täglich für Rußland, kurze Notizen 10 Pf je Zeile“. Das ergäbe etwa 350 M im Monat. GB, Bd. 2, S. 228 und 235.

[2] Dmitri Trepow war seit 1896 Polizeichef von Moskau und seit April 1905 Polizeiminister.

[3] Graf Witte war von 1892 bis 1903 Finanzminister und von Oktober 1905 bis April 1906 Ministerpräsident Rußlands. Er war Monarchist, aber zeitweilig zu einem Bündnis mit der Großbourgeoisie und zu konstitutionellen Zugeständnissen bereit. Letzten Endes war er maßgeblich an der Unterdrückung der Revolution beteiligt.