Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 439

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das Streben danach direkt schädlich, weil es nichts anderes bewirken kann, als eine Störung dieses langsam, aber sicher vor sich gehenden Prozesses.

Alle diese verhängnisvollen Illusionen widerlegt Kautskys erstes Schriftchen Schritt für Schritt in der gemeinverständlichsten, klarsten, schlagendsten Weise, und deshalb können wir der verdienstlichen Arbeit nur die weiteste Verbreitung in der Partei wünschen. Sie bläst wie ein frischer Wind in alle die revisionistischen Nebel hinein. Gewiß ist die Demokratie unentbehrlich als Mittel, das Proletariat für die soziale Revolution, für die Eroberung der politischen Macht reif zu machen. Aber sie kann diese Revolution nicht verhindern, sie kann der Arbeiterklasse nicht die wirkliche Emanzipation aus den Fesseln der Lohnsklaverei sichern.

Die Demokratie ist für das Proletariat, was Luft und Licht für den Organismus, ohne sie kann es seine Kräfte nicht entfalten. Aber über dem Wachstum der einen Klasse darf man nicht das gleichzeitige Wachstum des Gegners übersehen. Die Demokratie hindert nicht die Entwicklung des Kapitals, dessen Organisation, dessen politische und ökonomische Macht zur selben Zeit zunehmen, wie die Kraft der Proletariats. Wohl wachsen die Konsumvereine, aber gleichzeitig wächst noch rascher die Akkumulation des Kapitals; wohl wachsen die Gewerkschaften, aber gleichzeitig wächst noch rascher die Konzentration des Kapitals und seine Organisation zu riesenhaften Monopolen. Wohl wächst die sozialistische Presse, aber gleichzeitig wächst die parteilose, charakterlose Presse, die weite Volkskreise entnervt und vergiftet; wohl steigen die Löhne, aber noch rascher steigt die Masse der Profite; wohl wächst die Zahl der sozialistischen Abgeordneten in den Parlamenten, aber immer mehr sinkt die Bedeutung und Wirksamkeit dieser Institutionen, während gleichzeitig ihre Majoritäten wie die Regierungen in immer größere Abhängigkeit von den Mächten der hohen Finanz geraten. So entwickeln sich neben den Machtmitteln des Proletariats auch die Machtmittel des Kapitals, und das Ende dieser Entwicklung kann nichts anderes sein, als ein großer Entscheidungskampf zwischen beiden, der nicht eher enden wird, als bis die Arbeiterklasse den Sieg errungen hat.

So viel über das erste Schriftchen Kautskys; auf das zweite kommen wir gelegentlich zurück.

Leipziger Volkszeitung,

Nr. 152 vom 5. Juli 1902.

Erstveröffentlichung durch Harald Koth, in: Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte 1 (als Manuskriptdruck bereits 2001), Leipziger Reden und Schriften Rosa Luxemburgs, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2007, S. 31 ff.

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